Estrela Amadora und der Fokus auf 3. Liga – Transfer-Phänomen erklärt

Neues Transfer-Phänomen 

©IMAGO

Wer den Transfermarkt in Deutschland verfolgt, wird in den letzten Wochen auf ein neues Phänomen aufmerksam geworden sein. Portugiesische Erstligisten, die Spieler aus den unteren deutschen Ligen verpflichten, sind keine Seltenheit mehr. Allen voran der CF Estrela Amadora wildert bei Klubs wie dem SC Verl, Viktoria Köln oder Rot-Weiss Essen und wird in Kürze den vierten Neuzugang aus der 3. Liga in dieser Saison vorstellen – das sind mehr, als seit der Liga-Gründung 2008 bis zum letzten Sommer insgesamt den Weg in die Liga Portugal fanden. Transfermarkt ist dieser kuriosen Entwicklung mithilfe eines ehemaligen Mitarbeiters des Vereins auf den Grund gegangen und ist dabei auf die beeindruckende Historie des Klubs gestoßen.

„Vielen Dank, dass du mir die Möglichkeit gibst, die Geschichte von Estrela Amadora in die Welt zu tragen“, sagt Leandro Ramalho, ehemaliger Scout und mittlerweile selbstständiger Journalist, zum Ende des Gesprächs mit Transfermarkt. Die Freude, Fragen über seinen Lieblingsklub seit Kindheitstagen und späteren Arbeitgeber zu beantworten, ist spürbar zu erkennen. Und während des Gesprächs lässt sich erahnen, woher die Euphorie stammt.

Estrela Amadora ist ein Traditionsklub aus der Region Lissabon und war im 20. Jahrhundert vor allem als Arbeiterverein bekannt. Die Firma Sorefame sorgte mit der Herstellung von Eisenbahnfahrzeugen dafür, dass der Name der Stadt Amadora im ganzen Land auf Waggons zu lesen war, und auch im Verein war das Gewerbe stets präsent. „Der Klub war das kulturelle Zentrum der Stadt. In der Vereinszentrale trafen sich die Menschen zu literarischen und musikalischen Gesprächen und diskutierten über nationale Politik (sogar während der Diktatur). Es gab eine kleine Bibliothek, Lotteriespiele, aus denen später das erste Bingo entstand, einen Gastronomiebereich, Brettspiele und natürlich viele Eltern, die ihre Kinder zu den Trainings der zahlreichen Sportabteilungen von Estrela da Amadora brachten“, erklärt Ramalho.

Erst in den 1970er-Jahren rückte die Fußball-Abteilung durch den Einstieg von Präsident José Gomes stärker in den Fokus. 1988 stieg Estrela Amadora erstmals in die Primeira Liga auf und gewann 1989/90 sensationell den Pokal, der für die Teilnahme am Europapokal berechtigte. Große Namen wie José Mourinho, Jorge Jesus, Paulo Fonseca oder Paulo Bento waren zu dieser Zeit als Spieler oder Co-Trainer im Klub tätig. Ramalho bezeichnet diese Phase als „goldene Jahre“, ehe sich der Verein nach der Jahrtausendwende zu einem Fahrstuhlklub mit finanziellen Problemen entwickelte. Diese Probleme wurden so schlimm, dass 2011 Insolvenz angemeldet werden musste und die Herrenmannschaft den Spielbetrieb einstellte.

Doch statt wie viele andere Vereine in der Versenkung zu verschwinden, arbeiteten die Fans, die durch die Geschichte eine große Verbundenheit mit dem Klub haben, an einer Lösung, die den Grundstein für die heutige Mannschaft und die Entwicklung des Scoutings in anderen Ländern wie Deutschland legte. „Eine Gruppe von Fans versuchte 2011, das zu retten, was übrig geblieben war. Da der ursprüngliche Name Clube Futebol Estrela da Amadora nicht verwendet werden durfte, gründeten sie den Clube Desportivo Estrela. Der Fokus lag weiterhin auf der Jugendarbeit, allerdings ohne Herrenmannschaft. Dies dauerte bis zur Saison 2018/19, als der Klub schließlich in die unterste Spielklasse Portugals, die 2. Distriktsliga von Lissabon, einstieg“, erklärt Ramalho.

Wie groß die Begeisterung der Fans trotz der jahrelangen Pause ohne Herrenfußball war, zeigte eine Partie gegen den ebenfalls wegen finanzieller Probleme abgestiegenen Rivalen CF Os Belenenses. 8.000 Zuschauer kamen zur Begegnung in der untersten Liga Portugals und stellten damit einen Rekord für ein nicht-professionelles Spiel auf.


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Und tatsächlich mussten die Fans nicht lange auf die Rückkehr in den Profifußball warten. Im Jahr 2020 gab der nur wenige Kilometer entfernt gelegene Club Sintra Football seinen Platz in der drittklassigen nationalen Liga auf. „Dadurch öffnete sich die Tür für den heutigen Investor und SAD-Präsidenten Paulo Lopo, der Potenzial in dem Projekt sah. Die Mitglieder beider Vereine stimmten über eine Fusion ab. Der Name Estrela da Amadora wurde beibehalten, das Estádio José Gomes als Heimstadion festgelegt und der Startplatz durch die Fusion gesichert.“

Auch dank der finanziellen Hilfe von Lopo konnte Estrela Amadora schnell Fuß in der Liga fassen und schaffte auf Anhieb den Sprung in die Liga Portugal 2, zwei Jahre später folgte sogar die umjubelte Rückkehr in die Liga Portugal. Diese Hilfe von außen war laut Ramalho notwendig und wurde von den Anhängern deshalb wenig kritisch aufgefasst. Lopo sei kein Investor, der Unmengen Geld in den Verein steckt, um schnellen Erfolg zu forcieren, sondern möchte ein nachhaltiges Transfersystem aufbauen, das den Klub über Jahre stabil aufstellt. In diesem System spielt mittlerweile auch die 3. Liga eine wichtige Rolle.

Estrela Amadora als Chance für Drittliga-Talente: Über Portugal zur großen Karriere

Als Fan von Estrela Amadora ist seit dem Wiedereinstieg in den Profibereich eines gewiss: In nahezu jedem Transferfenster gibt es einen großen Umbruch. Einerseits wurden diese Änderungen am Kader durch die gestiegenen sportlichen Herausforderungen im Zuge der Aufstiege notwendig, auf der anderen Seite ist das System von Lopo aber auch auf Transfergewinne ausgelegt. Allein in den letzten beiden Saisons wurden 68 Spieler neu geholt und 75 abgegeben – beides Höchstwerte in der Liga Portugal. Dabei wurde ein Plus von 11,31 Millionen Euro erwirtschaftet.

In den ersten Jahren nach 2020 fokussierte sich das Scouting vor allem auf Spieler aus Südamerika und Nordafrika. Ramalho war als Scout in dieser Zeit live dabei: „Ich konzentrierte mich hauptsächlich auf die argentinische und uruguayische Liga. Spieler aus diesen Regionen verdienen aufgrund schwächerer Währungen oft deutlich geringere Gehälter. Portugal dient zudem als Tor nach Europa, begünstigt durch sprachliche und kulturelle Nähe.“

Seit etwa einem Jahr hat sich die Ausrichtung aber auch auf andere Länder ausgeweitet, insbesondere Deutschland ist in diesem Jahr in den Fokus gerückt. Der erste Transfer wurde im letzten Sommer mit der Verpflichtung von Sidny Lopes Cabral getätigt – und wurde sofort zu einem vollen Erfolg. Der 23 Jahre alte Rechtsverteidiger kam ablösefrei von Viktoria Köln zu Estrela Amadora und nahm eine steile Entwicklung. In 15 Einsätzen kam er auf fünf Tore und drei Vorlagen in der ersten Liga und nur ein halbes Jahr später folgte der Verkauf für 6 Millionen Euro an Rekordmeister Benfica Lissabon.

Geprägt von dieser Erfolgsgeschichte machten sich in diesem Winter immer mehr Vereine aus Portugal auf die Suche nach jungen, entwicklungsfähigen Drittliga-Profis aus Deutschland. Der Rio Ave FC ist nach Transfermarkt-Informationen bereit, eine Millionensumme für Ryan Naderi (22), Stürmer des FC Hansa Rostock, zu zahlen. Der FC Alverca versuchte sich bei Nicolas Oliveira (21), Rechtsverteidiger von Jahn Regensburg. Und Estrela Amadora legte mit Tom Moustier (23) von Rot-Weiss Essen sowie Chilohem Onuoha (20), der zuletzt an den SC Verl verliehen war, nach.

„Die 3. Liga ist ein Markt, in dem Estrela finanziell realistisch konkurrieren kann“, erklärt Ramalho die jüngste Entwicklung. „Deutschland verfügt über eine der stärksten Fußballkulturen und Jugendfördersysteme der Welt. Estrela richtet sich zunehmend auf europäische Märkte aus, in denen Spieler taktisch besser ausgebildet sind, das Spiel besser lesen und häufig Elite-Akademien oder Jugendnationalmannschaften durchlaufen haben – etwas, das im Kader von Estrela immer sichtbarer wird.“

Ramalho weiter: „Diese Spieler lassen sich zudem leichter europäischen Klubs präsentieren. Ein Leistungsträger in der 3. Liga ist oft nicht weit von einem Wechsel in die 2. Bundesliga entfernt. Der Abstand zwischen einem deutschen Zweitligisten und einem Abstiegskandidaten der portugiesischen Liga ist nicht so groß, wie er scheint. Die Intensität der deutschen Liga, volle Stadien und hoher Druck bereiten die Spieler extrem gut vor.“

Cabral stand bei Benfica in der letzten Woche auf Anhieb im Viertelfinale der Taça de Portugal beim prestigeträchtigen Duell gegen den FC Porto in der Startelf – nur etwas mehr als ein halbes Jahr nach Spielen in der 3. Liga gegen Hannover 96 II oder die SpVgg Unterhaching. Seine Entwicklung ist für junge Talente der Beweis, wie schnell der Sprung zu einem europäischen Top-Klub möglich ist, und lässt diese von einer ähnlichen Entwicklung träumen. Nicht zuletzt deshalb wurde der Abgang von Moustier, der bei RW Essen als Leistungsträger bei einem Aufstiegsanwärter eigentlich keinen Grund für einen Wechsel hatte, offenbar auf unschöne Weise forciert.

Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob die Flut an Drittliga-Spielern nach Portugal nur ein kurzweiliger Trend ist, der keine nachhaltigen Entwicklungen mit sich zieht, oder sich darauf ein neues Transfersystem aufbauen lässt. Für alle Vereine aus den unteren deutschen Ligen dürften die jüngsten Deals aber zumindest eine Anerkennung für die professionelle Arbeit auch abseits der ganz großen Klubs sein.

Und bei Estrela Amadora? Dort soll das Geld aus den Transfergewinnen in ein modernes Nachwuchsleistungszentrum gesteckt werden, um die Erfolgsgeschichte auch nachhaltig zu sichern. „Der einzige Schritt, der derzeit noch fehlt, ist die Genehmigung eines Grundstücks, auf dem die Akademie schließlich gebaut werden kann“, erzählt ein strahlender und stolzer Ramalho.

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